Heinrich Zille (1858-1929)
Circusspiele Klub Wedding, 1924
Lithographie, koloriert; ......................
Berlin Museum, Berlin
"In den großen Industriestädten, die dicht mit hohen Häusern bebaut sind, war und ist es zum Teil auch noch heute für die Kinder gar nicht einfach, einen Platz zum Spielen zu finden. Wenn heute neue Häuser oder gar ganze Stadtviertel gebaut werden, dann planen die Architekten auch Spielplätze für die Kinder mit ein. Das war aber nicht immer so. In alten Stadtteilen sind heute noch jene engen, finsteren und muffigen Höfe anzutreffen, in die nur selten ein Sonnenstrahl hineinscheint, die aber lange Zeit die einzige Gelegenheit boten, in der Nähe des Hauses zu spielen.
Besonders häufig waren solche Höfe am Anfang des 20.Jahrhunderts in Berlin anzutreffen. In den Häusern lebten Arbeiterfamilien mit ihren vielen Kindern, oft genug in großer Not. In einer solchen Gegend Berlins wohnte der Maler und Grafiker Heinrich Zille, der selbst ein Kind armer Eltern war. In vielen tausend Zeichnungen und Grafiken schilderte er wie auf der abgebildeten Lithographie Cirkusspiele Wedding das Leben der einfachen Arbeiter und ihrer Familien, ihre Sorgen und ihre Not, aber auch ihre kleinen Freuden. Und er stellte ihr Leben in einer Weise dar, die auch von den einfachen Menschen, denen seine ganze Aufmerksamkeit und Liebe galt, leicht verstanden wurde.
Auf den ersten Blick erscheinen uns viele seiner Arbeiten wie Witzzeichnungen, einfach und vieles ein bißchen übertrieben. Bei richtigem Hinsehen und etwas Nachdenken spürt man aber die ganze Teilnahme des Künstlers am schweren Leben der Armen. Besonders die Kinder hat er in sein Herz geschlossen und immer wieder dargestellt, ihre Not ebenso wie ihre bescheidenen, aber fröhlichen Spiele.
Die Lithographie Circusspiele Wedding läßt uns einen Blick in den Hinterhof eines Berliner Arbeiterviertels tun. Der enge, gepflasterte Hof des großen Mietshauses, auf dem nur Teppichstange und Müllkübel, aber kein Grashalm oder Baum zu finden sind, wird plötzlich durch das lustige Treiben der vielen Kinder lebendig. Und mit welcher Begeisterung und Phantasie sie Zirkus spielen!
Eine ausgebreitete Decke wird zur Manege, ein Clown stellt drei Artisten vor. Jedes Kind will etwas beitragen und entdeckt eine Fähigkeit, zum Spaß der anderen mitzuwirken. Ungezwungenes, fröhliches Spiel selbst in dieser traurigen Umgebung!"
(Frenzel, Rose-Marie: Beim Spiel. Leipzig 1978. Zit. nach der Lizenzaugabe Frankfurt 1978, S.33)
|