Jacques de Gheyn (1563-1629)
Mutter und Kind mit Bilderbuch, um 1620
Federzeichnung, braun getuscht; 17,3x14,8cm
Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin
"Es ist Abend, das Zimmer ist dunkel, nur der Tisch und die beiden Gestalten heben sich hell vom Hintergrund ab. Sie werden von einer brennenden Kerze angeleuchtet, und die Gegenstände auf dem Tisch werden so in Licht getaucht, daß sie, wie das Buch, einen schwarzen Schatten werfen.
Die Mutter hat den Arm auf die Tischplatte aufgestützt und den Kopf in die Hand gelehnt. Diese Haltung - in der Kunstgeschichte als Ausdruck der Melancholie bekannt - ihr Versunkensein und doch konzentrierte Teilnahme am Buch und dem Kind, um das sie mütterlich ihren Arm gelegt hat, verstärken die Atmosphäre von Innigkeit und Stille, die über dem Raum liegt. Das Kind, ein Junge, fährt mit dem Zeigefinger über die Seite, als ob es etwas fragen wolle - die Mutter macht Miene, die kindlichen Fragen zu beantworten. Das Gefühl ihrer engen Zugehörigkeit zur Welt des Kindes wird durch den schützenden Arm hervorgerufen, zumal ihre Hand zugleich mit dem Buch die Hand des Kindes umfaßt. Diese Geste deutet an, daß sie mit ihrer Liebe das Leben des Kindes wie auch sein Wissen, seine Erziehung "in der Hand hält". Dem Licht, der Kerze kommt in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts besondere Bedeutung zu, und auch die übrigen Gegenstände sind nicht zufällig auf dem Tisch verstreut. Den tieferen Sinn zu erschließen, dazu gab es bis ins 18. Jahrhundert hinein die weitverbreitete Emblemata-Bücher, worin jedem Bild eine kurze Erklärung beigegeben war.
Dem Künstler Jacques de Gheyn (1563-1629), einem anerkannten Radierer und Zeichner, waren die Emblemata wohl vertraut, und so kann man annehmen, daß er über die familiäre Mutter-Kind-Szene hinaus durch die Beigabe von Kerze und Buch "Das Sehen" als menschlichen Sinn habe darstellen wollen. Eine hell brennende Kerze konnte ein langes Leben bezeichnen, eine Kerze mit Lichtputzschere, wie sie hier im Vordergrund auf dem Tisch liegt, stellte das Symbol für eine maßvolle, kluge, vorsichtige Erziehung dar. Schreibzeug und Tinte - man sieht die gespitzte Feder und das Federmesser - bezeichnen den Vorgang des Lernens: das Kind empfängt von der Mutter die erste Unterweisung im Sehen und Erkennen."
(Gersdorff, Dagmar v.: Kinderbildnisse aus vier Jahrtausenden. Berlin, 2.Auflage 1989, S.138)
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