Vincent van Gogh (1853-1890)
Die ersten Schritte, 1890
Öl auf Leinwand; 72,5x91cm
Metropolitan Museum of Art, New York



    "Vincent van Gogh hat dieses Bild im letzten Jahr seines Lebens geschaffen, nachdem er sich bereits 1889 freiwillig in die Heilanstalt von Saint-Rémy begeben hatte. Es handelt sich um eine Variante zu Millets Werk Erste Schritte, das van Gogh ganz besonders schätzte. Sein Bruder Theo hatte ihm eine Reproduktion davon geschickt.
    Diese Version unterscheidet sich von allen anderen Interpretationen. Sie stellt besonders den Vater heraus, der bewegt die ersten Schritte seines Sprößlings erlebt. Vor seinem ländlichen Häuschen kauernd, scheint er seine Gartenarbeit unterbrochen und eilig seine Schaufel niedergelegt zu haben, um die Hände ganz weit nach seiner Kleinsten nahe bei ihm ausstrecken zu können und ihr Entzücken mit ihr zu teilen.
    Daß van Gogh gerade dieses Thema wählte, hatte für beide Brüder besonders tiefe Bedeutsamkeit. In diesem Winter 1890 freuten sich nämlich Theo und seine Frau Johanna auf ihr erstes Kind, und Vincent teilte ihre Vorfreude. Die Geburt des Kindes am 31. Januar 1890 - es war ein Junge, der den Vornamen Vincent erhielt - scheint den Künstler tief beeindruckt und ihm neuen Lebenswillen gegeben zu haben.
    In Gemälden wie diesen konnte van Gogh all seine Liebe ausdrücken, die ihm selbst versagt blieb. 'Man mag auch in sich eine Herdstelle haben, die die Seele wärmt', schrieb er, 'so kommt doch kein Mensch, sich dort niederzulassen. Die Vorbeigehenden sehen nur eine winzige Rauchsäule aus dem Schornstein kommen und setzen ihren Weg fort.' Seine Worte verraten uns die ganze Einsamkeit dieses Mannes und lassen ihn die Darstellung einer glücklichen Familie als besonders schmerzlich erleben. Im Bild des Vaters, der so begierig die Hände nach seinem Kind ausstreckt, bezeugte van Gogh sein eigenes immenses Bedürfnis nach Liebe. In seinem kurzen Leben sollte er keine Chance erhalten, einen Menschen zu finden, der ihm diese Liebe geben konnte."
    (Tobey, Susan Bracaglia: Art of Motherhood. München 1992, S.93)